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Politik hautnah
Schweizer Illustrierte vom 25. September 2006
«Sessiun» von National- und Ständerat in Flims GR
Gastgeber: Der Kanton Graubünden für 246 Parlamentarier,
Tatort: Das «Waldhaus». in Films ist das temporäre Bundeshaus. Im Jugendstilsaal tagt der Ständerat, in der Tennishall der Nationalrat,
Ausflüge: Nach Sedrun, Disentis, Vals und auf die Lenzerheide,
Premiere: Neo-Bundesrätin Doris Leuthard trat erstmals vor dem Parlament auf
Vorlagen, Akten, Reden. Das Parlament tagt im Bündnerland. Trotz Bergromantik und Wellness-Hotel arbeiten die Politiker hart. Ihre Freizeit ist knapp dafür umso erholsamer.
«Stur», «unhöflich», «dickköpfig». Die Worte, die an diesem Abend am Stammtisch fallen, sind alles andere als schmeichelnd. Sie gelten Bundesrat Pascal Couchepin, der als Einziger an der Eröffnungsfeier der «Sessiun» in Flims kein Wort Romanisch gesprochen hat. Verbale Prügel bezieht im temporären Bundeshaus, dem Hotel Waldhaus, auch Ulrich Giezendanner: «Eine Hotelangestellte sagte mir unverblümt, sie verstehe meine Kritik an der Session hier nicht.» Der Nationalrat aus dem Aargau taxiert die Tage in Flins als eine «Verschleuderung von Steuergeldern». Der Hintergrund: Das Bundeshaus in Bern wird umgebaut und das Parlament deshalb ausquartiert. Dem Bund entstehen Kosten von 1,7 Millionen Franken. Kein Problem damit hat Nationalrätin Margret Kiener Nellen: «Es ist wunderbar! Von mir aus könnte das Parlament Öfter auswärts tagen.» Schliesslich erweitern neue Orte den Horizont. So auch bei der Grünen-Präsidentin Ruth Genner. Sie liebt es, morgens zu schwimmen, der Cauma-See unterhalb Flims ist ihre Neuentdeckung. Doch damit nicht genug: «Ich möchte am Wochenende von EIm über den Panixerpass ins Bündnerland wandern.» Ähnliches hat Nationalrat Werner Marti vor. Er joggt von seinem Zuhause in Glarus über den Segnespass (2627 m ü. M.!) direkt nach Flims: «Eine Probetour auf der Bündnerseite habe ich schon gemacht.» Andere Parlamentarier wie Hermann Weyeneth halten sich strickt an Churchilis Devise «No sports». Sie betätigen sich körperlich nur mit dem Aufstehen für die Abstimmungen. Das ist deshalb nötig, weil die Fernsteuerung eines Baukrans und der Pegelstandmesser eines Stausees die Frequenz der Abstimmungsanlage stören. Freude an der altertümlichen Aufstehmethode hat Nationalrätin Pascale Bruderer: «So sieht man viel besser, wer wie abstimmt!» Andere richten ihr Augenmerk auf den Spa-Pavillon des GauItMillau-Hotels des Jahres 2004: Der «Waldhaus»-Glasbau lädt zum Bade, doch es getraut sich niemand. Das bestätigt Nationalrätin Christa Markwalder: «Ich sass abends um halb neun ganz allein in der Sauna.» Das könnte aber auch daran liegen, dass sich ihre Kollegen derweilen lieber mit Bündner Spezialitäten verwöhnen lassen inklusive des extra gebrauten «Polit-Premium», des naturbelassenen Surselva-Bräus in «parteilosen Flaschen». Locker gehts am einzig freien Nachmittag zu und her. Eine Handvoll Politiker sieht sich den Gotthard-Basistunnel und die Porta Alpina an. Der Helm mag mein Sicherheitegefühl nicht steigern», bemerkt Ruedi Noser. Kein Wunder: Über ihm liegen 600 Meter Berg! |
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